„Wir möchten mehr als bisher betonen, dass man zwischen Zen und Zen-Buddhismus unterscheiden muss. Zen-Buddhismus bezeichnet eine der acht alten buddhistischen Schulen Japans. Diese Unterscheidung wird auch von erstrangigen Zenmeistern gemacht. So sagt der ehemalige Abt des Nanzen-Klosters in Kyoto, Zenkei Shibayama, im Zen sei etwas, das allen Religionen gemeinsam ist; anders sei es mit der Zen-Schulen (zen-shu). Er fügt hinzu, dass die Schulen notwendig seien. Die Schulen sind die einzelnen in sich geschlossenen religiösen Körperschaften. Sie sollen bestehen bleiben. Auch der Dialog, der unter den christlichen Konfessionen und zwischen Christentum und nichtchristlichen Religionen begonnen hat, will nicht die einzelnen Bekenntnisse auflösen oder zu einer Religion zusammenschliessen, sondern einander verstehen und die eigene Religion durch die Kenntnis der fremden Religionen besser verstehen lehren. Aus Christentum und Buddhismus ein religiöses »Eintopfgericht« zu machen, wünschen die Zenmeister ebenso wenig wie wir. 

Wenn es überhaupt möglich werden sollte, eine gemeinsame Religion für alle Menschen zu schaffen, so kann das sicher nicht auf dem Wege des Synkretismus geschehen. Vielmehr müsste man berücksichtigen, was alle Religionen gemeinsam haben oder wenigstens gemeinsam haben sollten. Aber dieses Gemeinsame wird auch dann je nach Zeit und Ort immer in verschiedenen Formen auftreten. Wir sollten uns jedenfalls stets bemühen, einander zu verstehen und gegenseitig zu bereichern. 

Man hört immer wieder von Befürchtungen, wenn es darum geht, dass Christen eine Meditationsweise wie das Zazen anwenden, weil sich die Methode nicht von der Weltanschauung ablösen lasse, der sie entstammt. In dieser Frage sollte man auch den Zenmeistern selbst Gehör schenken. Sie sprechen von fünf Arten des Zen; zwei haben mit Buddhismus direkt nichts zu tun oder widersprechen ihm sogar in ihrer Lehre, die drei anderen sind in ihrer Grundhaltung buddhistisch. 

Die erste Art wird von solchen angewandt, die kein philosophisches oder theologisches System mit der Meditation verbinden. Sie wollen sich ethisch vervollkommnen oder suchen Heilung von beziehungsweise Schutz gegen psychische Schäden. 

Die zweite Gruppe bilden jene, die - im Gegensatz zum Buddhismus - an einen persönlichen Gott oder an eine unsterbliche Seele glauben. Zu dieser Gruppe gehören natürlich auch die Christen. Die übrigen Arten setzen voraus, dass man an die buddhistische Lehre glaubt. Der Vollzug ist jedoch bei allen fünf der gleiche: richtige Haltung, rechtes Atmen und »Nicht-Denken«. Meister Harada sagt, man könne mit jeder der fünf Arten anfangen und auch zum Höchsten aufsteigen. 

Wenn man aus westlicher Tradition kommt, vergisst man gar zu leicht, dass man beim Zazen nicht über etwas nachdenkt, wie es bei der christlichen Betrachtung geschieht. Machte ein Buddhist Ignatianische Exerzitien, wie könne er seine Sünden vor Gott bereuen, mit Christus am Kreuz Zwiesprache halten und dabei Buddhist bleiben? Übt ein Christ die Zen-Meditation, so denkt er weder an Buddha noch an sonst etwas. Die Übung ist Körperhaltung, Atmung und munen-muso (ohne Begriffe und Gedanken).“ 

 

Buchauszug: 
Hugo Makibi Enomiya-Lassalle SJ 

Zen-Buddhismus, 1. Auflage 1966, 3. Auflage 1986

 
In unseren Angeboten üben wir die zweite Art des Zen:

Gedō Zen (jap. 外道 Gedō: "Weg ausserhalb")