Das Ziel des Zen ist «die Erfahrung Gottes», betonte Lassalle. «Das ist es, was die Buddhisten suchen, Erfahrung Gottes. Wenn sie auch nicht das Wort Gott gebrauchen, so suchen sie doch eine Erfahrung, die wir Gotteserfahrung nennen. Das, was man überhaupt nicht mit Namen bezeichnen kann, das Absolute, das Unendliche, Unbegreifliche, Allumfassende. Deswegen sprechen sie vom <Weg zur Erleuchtung>.
Diese absolute, unendliche, unbegreifliche und allumfassende Wirklichkeit kann auf verschiedene Weisen erfahren werden - im Christentum mehr auf eine personale Weise, im Osten eher apersonal. «Wir können Gott nicht einschränken. Gott ist nicht dies und das, er ist alles.»
Die Zen-Meditation kommt zwar aus dem Buddhismus, doch «der Weg, wenn er richtig gegangen ist, hat mit keiner Philosophie oder Theologie direkt etwas zu tun. Jeder kann ihn gehen - wenn er ihn richtig geht -, um zum eigentlichen Ziel seiner Religion zu kommen.» Denn «die Wahrheit ist nur eine Wahrheit, wenn sie echt ist». Zu dieser Wahrheit jenseits des begrifflich Begreifbaren führt «diese Meditation in ihrer Reinheit» - die, wenn sie wirklich integriert ist, westlichen Bedürfnissen angepasst werden kann.
Für Christen bedeutet dieser Weg, «Gott zu erfahren, Gott tiefer zu erfahren». Obwohl der Begründer des Zen kein Christ war, ist dieser Weg für Christen der Weg zu einem tieferen Gebet. «Denn das tiefere Gebet ist ja auch Erfahrung Gottes.» Der Weg des Gebets als Weg der Erfahrung Gottes war «in der Urkirche selbstverständlich, aber auch im Mittelalter», in der Mystik. Das Aufkommen der Wissenschaft und die Dominanz der Rationalität hat die Mystik überwuchert. «Man ist soweit gekommen, dass man etwas, das überhaupt nur Mystik andeutete, für gefährlich hielt.»
Die Mystiker lehren, dass man in den Grund des menschlichen Wesens gehen muss, in den «Seelengrund». «In diesem Grund können wir Gott erfahren. Und in diesem Grund allein werden alle unsere Schwächen und Unvollkommenheiten allmählich aufgelöst. Sie dachten nicht nur an ein grosses Erlebnis, nein, an Vollkommenheit auf dem christlichen Weg.»
Die Zen-Meditation «wenn sie richtig, treu und streng geübt wird - und zwar unter einem, der die Erfahrung hat, bietet die Gewissheit, in diesen Grund zu kommen», der eine langsamer, der andere schneller. Dass die Zen-Halle «im Inneren eines christlichen, katholischen Klosters» steht, ist die beste Basis dafür. Auch wenn Zen im Vordergrund stehe, so schliesse das nicht aus, dass auch andere Arten der Meditation in der Zen-Halle geübt werden. «Jeder soll das finden, was er gerade braucht.»
Denn alles deute darauf hin, dass ein neuer Schritt in der Geschichte der Menschheit bevorstehe, das rationale Denken seine Dominanz verlieren würde und die Menschen aus der Erfahrung des «Grundes» leben. «Dann kommen wir endlich zu einem Weltfrieden.»
Kloster Dietfurt
Hugo Makibi Enomiya-Lassalle SJ 27.12.1977