ENOMIYA-LASSALLE, Hugo Makibi, Wegbereiter des Dialogs zw. Zen-Buddhismus und Christentum, * 11.11. 1898 in Externbrock/Westfalen als Sohn des Landwirts Georg L. und dessen Ehefrau Elisabeth L., geborene Feltmann, † 7.7. 1990 in Münster. - L.s älterer Bruder Bernhard wurde ebenfalls auf Externbrock geboren, wie auch der jüngere Bruder Hans. Nachdem ihr Vater nach absolviertem Jurastudium in Göttingen eine Stelle als Gerichtsreferendar erhielt, kam 1908 noch die Schwester Elisabeth zur Familie hinzu. - Nach dem Besuch des bischöflichen Gymnasiums Josephinum sowie des Gymnasiums in Brilon, wo Georg L. seit 1910 als Amtsrichter tätig war, wurde Hugo 1916 zum Militär einberufen. Im Gegensatz zu seinem Bruder Bernhard, der 1917 an Lungenpest verstarb, kam Hugo infolge einer Verwundung mit dem Kriegsgeschehen kaum in Berührung. Im Briloner Lazarett legte er 1917 seine Kriegsreifeprüfung ab. - 1918 las er die Autobiographie Ignatius von Loyolas, des Gründers des Jesuitenordens. Wie Ignatius, der als verwundeter Soldat durch den Einfluss von Hagiographien dazu motiviert wurde, ein geistliches Leben zu führen, erweckte die Lektüre dessen Lebenslaufes in dem jungen Hugo den Wunsch, ebenfalls ein Heiliger zu werden: Am 25. April 1919 begann er das Noviziat der Jesuiten in s'Heerenberge in Holland. - Im durch die ignatianischen Exerzitien geprägten Noviziat lernte L. den Alltag als Praxisfeld christlicher Spiritualität kennen. Nach dem Ablegen der Gelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam am 27. April 1921 folgte die an der Scholastik orientierte philosophische und theologische Ausbildung in Valkenburg, die L. vor seiner Priesterweihe am 28. August 1927 u.a. gemeinsam mit seinem Freund B. Bitter, O. v. Nell-Breuning und H. Dumoulin absolvierte. Im letzten Ausbildungsabschnitt, dem Tertiat, standen wiederum die Exerzitien im Mittelpunkt, durch die die Schulung der jungen Priester zu »Soldaten Christi« ihren Abschluss fand. Da das Thema »Mystik« sich allgemeiner Popularität erfreute, wurde im Verlauf des Tertiats erstmalig eine Einführung in die christliche Mystik gegeben. L.s Tertiarier-Meister führte ihn v.a. in die Werke Teresa von Avilas, des Johannes vom Kreuz und in die »Nachfolge Christi« Thomas von Kempens ein. - Der Entschluss L.s, nach dem Durchlaufen des Tertiats nach Japan zu gehen, war bereits im Noviziat gereift: Sein brieflich an den Ordensgeneral geäusserter Wunsch, nach Afrika in die Mission zu gehen, wurde infolge der nach dem 1. WK übernommenen Japan-Mission verweigert, hingegen letztere L. ans Herz gelegt. Schliesslich meldete sich L. gehorsam freiwillig und trat damit in die Fussstapfen Franz Xavers, des Weggefährten des Ignatius, dessen Engagement ebenfalls der Ostasienmission galt: 1929 reiste L. nach Japan ab. - Japan galt als Tor zu Asien. Das Land selbst war am Anfang des 20. Jh.s durch Industrialisierung und Militarisierung geprägt. Verfolgte die Industrialisierung eine europafreundliche Politik, indem sie westliche Standards anstrebte, entstand der Militarismus aus einer nationalen Bewegung, die antieuropäisch eingestellt war und den Shintoismus wie den Neokonfuzianismus förderte. Im Gegenzug erneuerte sich der benachteiligte Buddhismus durch die Auseinandersetzung mit der modernen Wissenschaft, durch soziales Engagement nach chr. Vorbild, aber auch durch die Übernahme nationaler Ideen. - Die katholische Japanmission verfolgte das Ziel, per Akkomodation das Evangelium in Japan heimisch zu machen. Durch sozialen Dienst sollten die Herzen der Menschen für das Christentum gewonnen werden. L. plante daher, Japan zu seiner Heimat zu machen, d.h. im Armenviertel zu wohnen, um die Nächstenliebe ausüben zu können, und sich mit dem Zen-Buddhismus vertraut zu machen, da dieser die Seele der Japaner am tiefsten geprägt habe. Seine vornehmliche Aufgabe bestand zwar in der Verwaltung des Jesuiten-Gebäudes der neu aufgebauten katholischen Sophia-Universität, aber auch für die sozialen Probleme setzte er sich ein, z.B. 1931 mit der Gründung eines Sozialhilfswerks, aufgrund dessen er in einen Slum Tokyos zog und kostenlos die Kinder unterrichtete und medizinisch versorgte. Am 31. März 1935 wurde L. zum Missionssuperior der Jesuiten in Japan ernannt. - 1938 erfolgte die Einweihung des Noviziats in Nagatsuka, das in japanischem Stil gebaut worden war. Kurz zuvor hatte der 2. WK auch in Asien begonnen. 1939 zog L. in das Vikariat Hiroshima um, wo er infolge von Kontakten zu Professoren von der Bunrika-Universität mit dem Thema »Zen« enger in Berührung kam. Im Frühjahr 1943 nahm L. in Tsuwano bei Shimada-Roshi an seinem ersten Sesshin teil. Die asketische Härte kannte er aus seiner eigenen Ausbildung und konnte sie mit seinem Ideal der Loslösung von der Welt gut vereinbaren. Seine Praxis der Abtötung, die auf der dualistischen Trennung zw. Weltlichem und Göttlichem beruht, interpretierte er mit dem jap. »shunyata« (Leere, Losschälung). Mit Thomas von Aquin erkannte L. die natürliche Gotteserkenntnis als Möglichkeit des Menschen an, konnte sie daher auch dem Zen-Übenden zugestehen. - Am 6. August 1945 überlebte L. den Atombombenangriff der Amerikaner auf Hiroshima, der 200.000 Menschen das Leben kostete. Das Verlieren des Krieges bedeutete für die Japaner, dass ihre Götter versagt hatten. Für die Mission war dies eine neue Chance, da das Interesse an neuen und sicheren Leitbildern gross war: Die Entwicklung von demokratischen Gesellschaftsstrukturen wurde als Verwirklichung christlicher Ideen verstanden und von der Besatzungsmacht unterstützt. Infolgedessen war der Informationsbedarf gross, und die Missionare hielten viele Vorträge über ihre Religion, aber auch über Demokratie. - 1946 begann L. eine Weltreise, die ihn über Rom zum ersten Mal seit siebzehn Jahren wieder nach Deutschland führte. Bereits 1940 wurde sein Versuch, in Rom die Erlaubnis für die Verwendung des Japanischen als liturgische Sprache zu erwirken, abgelehnt, so auch diesmal - diese Idee sollte sich erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil durchsetzen. Allerdings wurde beschlossen, dass Japan ein selbstverwaltetes Missionsgebiet werden sollte. Im Verlauf seiner weiteren Reisen hielt L. v.a. über den Atombombenabwurf viele Vorträge. - 1947 kehrte L. nach Japan zurück, wo durch den 2. WK ein Werte-Vakuum entstanden war. L. engagierte sich für die alte japanische Kultur, um durch Buddha zu Christus zu führen. Um der Indifferenz der Religion gegenüber entgegenzuwirken, bildete sich eine Allianz zw. L. und Zen-Mönchen, die gemeinsam auf Vortragsreisen gingen. Ausgangspunkt ihrer Zusammenarbeit war trotz der zugrundeliegenden verschiedenen Weltanschauungen der gemeinsame ethische Impetus. Weitere Gespräche führten L. und H. Dumoulin mit dem Abt des Sojijis Genshu Watanabe. Im Laufe der Zeit wuchs in L. die Idee heran, durch die Wandlung des Buddhismus die Japaner zu christianisieren: Die Stärkung der religiösen Basis in Form des Buddhismus sollte - nach Uminterpretation der buddhistischen Riten - für die christlichen Lehren und Zeremonien als Anknüpfungspunkt dienen. Sein Antrag auf japanische Staatsbürgerschaft, der nach vielen Jahren akzeptiert wurde, ist als Mosaikstein auf diesem Weg anzusehen: Sein japanischer Name »Makibi Enomiya« hat sowohl Bezüge zum Shinto-Schrein Hiroshimas als auch zum Buddhismus. Der von L. in Angriff genommene Bau der Friedenskirche in Hieroshima steht ebenfalls unter dem Zeichen der Erhaltung japanischer Kultur. - Mit der Ernennung P. Pfisters zum Provinzial der 1948 eigenständig gewordenen Japan-Mission erfolgte L.s Ernennung zum General-Vikar der Diözese Hiroshima. - Am neunten Jahrestag des Atombombenabwurfes, am 6. August 1954, wurde die Friedenskirche eingeweiht. L. sollte allerdings nicht ihr Pfarrer sein: Unstimmigkeiten mit dem Bischof führten dazu, dass L. stattdessen Koordinator der Missionstätigkeit im Hiroshima-Gebiet wurde. Parallel zu diesem Rückschlag hatte er zuweilen mit Schwierigkeiten bei seiner täglichen Betrachtung zu kämpfen. Zusätzlich trieb ihn die Frage um, wie die Bewohner der ländlichen Gegenden vom Katholizismus erreicht werden konnten, wenn sich die katholische Missionstätigkeit weiterhin auf die Stadtgebiete beschränkte. Die Zuhilfenahme des Buddhismus, der es geschafft hatte, bis in das entlegenste Dorf vorzudringen, erschien ihm als nötig. Ebenfalls auf dem Weg des Buddhismus fand er auch eine vertiefte Art der Spiritualität. U.a. angeregt durch die Bücher T. Mertons entschloss sich L. 1956, an einem Sesshin bei Harada Sogaku Roshi (1870-1961) im Hosshinji-Tempel in Obama teilzunehmen. Harada Roshi war von Hause aus Soto-Mönch, hatte aber dann, unzufrieden mit der spirituellen Situation innerhalb der Soto-Sekte, seine Ausbildung unter Rinzai-Meistern fortgesetzt und schliesslich selbst eine neue Zen-Richtung begründet, um das Beste aus beiden Traditionslinien zusammenzufügen. L. war von der Strenge der Übung bei Harada beeindruckt und begann, über die Möglichkeit katholischer Sesshins nachzudenken - er hatte täglich in seinem Zimmer Eucharistie gefeiert und damit für sich selbst beide Elemente integriert. Die Einübung der Ichlosigkeit erschien ihm auch für das Christentum erstrebenswert, v.a. da Harada lehrte, dass jeder Mensch zur Erleuchtung kommen könne, nicht nur der Ordensmann. Indem L. die Erleuchtungserfahrung zur Erlangung der Einheit mit der Natur für ein zu förderndes Gut, die buddhistische Interpretation dieser Erfahrung aber für falsch hielt und dagegen von der Korrektheit der Terminologie chr. Mystik überzeugt war, konnte er in persona Katholizismus und Zazen integrieren und die Zen-Erleuchtung als Vorbereitung für die chr. Mystik interpretieren. Ebenfalls 1956 reiste L. zum Sesshin zu Watanabe Genshu, der davon überzeugt war, dass der dekadent gewordene Buddhismus in Japan untergehen werde, dem Katholizismus dagegen die Zukunft gehöre. Zen erschien L. als Mittel der Wahl, um den japanischen Werteverfall der Nachkriegszeit aufhalten zu können. Neben dem Aspekt, dass statt der traditionellen chr. Trennung zw. actio und contemplatio die spirituelle Durchdringung des Alltags für die Christen vorteilhaft sei, war der missionarische Nutzen evident. Um aber katholische Sesshin abhalten und damit Japaner bekehren zu können, musste L. eine von einem Zen-Meister akzeptierte Erleuchtungserfahrung vorweisen. Da Watanabe als Soto-Meister keinen gesteigerten Wert auf die Kensho-Erfahrung legte, beschloss L., unter Harada's Leitung weiter zu üben. Während eines weiteren Sesshin in Obama 1957 gab Harada-Roshi Pater L. das Mu-Koan als Meditationsaufgabe. - Zeitliche Parallelen zu diesem Aufbruch L.s, in nicht-chr. Spiritualität einzutauchen, bieten z.B. die Aktivitäten Henri LeSauxs, der in Indien als Swami Abishiktananda neben Raimon Panikkar Vorreiter des interreligiösen Dialoges war. Das intensive Bemühen um das Verstehen des Zen schlug sich in L.s Bestseller »Zen-Weg zur Erleuchtung«, der 1959 mit der Erlaubnis von P. Arrupe erschienen war, und in dem Papier »Erklärung zum Postulat über Za-zen« nieder. In letzterem schlug L. vor, Zazen in die Ausbildung japanischer Mönche mit einzubinden. Das ordensinterne Beratungsgremium sprach sich nicht abschlägig gegen L.s Ideen aus, allerdings sollte Zazen nur von den Tertiariern geübt werden, die infolge von Studium und Priesterweihe für Fehler weniger anfällig seien. L. begann, in der Krypta der Friedenskirche Hiroshimas Zazen zu üben und Einführungen in das Sitzen zu geben. Trotz der Ablehnung seines Postulats aus Rom durfte L. mit Zustimmung P. Arrupes 1959 eine Gruppe Tertiarier in Zazen einführen. In demselben Jahr hatte L. neben seinem Amt als Generalvikar noch das Pfarramt in Noboricho inne, wo er die Erlaubnis zum Bau eines Teezeremonieraumes erhielt. - Nachdem sich sein Lehrer Harada vom aktiven Unterricht zurückgezogen hatte, übte L. unter Ban Roshi, einem Darmaerben Haradas, weiter. Allmählich reifte in ihm der Gedanke, einen neuen Orden zu gründen, in dem natürliche Mystik und chr. Gebetsleben verbunden werden sollten. Daher kaufte er in Kabe ein Grundstück, um dort ein chr. Zendo zu bauen. 1960 erlitt sein Elan allerdings einen herben Rückschlag: Sein Ordensgeneral verbot sowohl das Erscheinen seines Buches, das jedoch bereits erschienen war, als auch die Einführung von Christen in Zazen, seien es Jesuiten oder Laien. L. durfte jedoch weiter Zen üben und nach einer für die Japaner passenden Methode der Betrachtung suchen. P. Arrupe unterstützte L.s Position. Bei einem Besuch erlaubte er L., das Grundstück in Kabe zu bebauen und als Zen-Übungsstätte zu benutzen. Auch der Bischof von Hiroshima förderte das Projekt und weihte den Neubau 1961 ein. In »Shinmeikutsu«, wie er die Schulungseinrichtung nannte, die »Höhle des göttlichen Dunkels«, hielt L. 1962, ein Jahr nach dem Tod Harada Roshis, das erste Mal Exerzitien in Kombination mit Zazen ab, bevor er 1962 zum Zweiten Vatikanischen Konzil abreiste, wo er über neue Formen von Seelsorge und Liturgie sprechen sollte. - Die Reise war von dem Thema beherrscht, ob Zen von seinem buddhistischen Hintergrund gelöst werden konnte oder nicht. Gerade dieser Punkt verhinderte die Neuauflage von L.s Buch, wie Kardinal Frings ihm mitteilte. Zen galt auch unter Experten wie J. Lotz und K. Rahner als monistisch und damit als nicht-christlich rezipierbar, da für chr. Spiritualität das dialogische Element charakteristisch sei. Ein Besuch auf dem Berg Athos, dem Zentrum ostkirchlicher Spiritualität, Gespräche mit Staehlin, Graf Dürkheim, Theravada-Buddhisten in Thailand und mit Karthäusern führten L. von der Unterscheidung zw. natürlicher und übernatürlicher Mystik weg. Die Lektüre der Texte der Mystiker Ruysbroek und Teilhard de Chardin inspirierte ihn zu neuen Ansätzen der Interpretation der Zen-Erfahrung. - Wieder in Japan begann L. 1964 unter Yasutani-Roshi (1885- 1973), einem weiteren Dharmaerben Haradas, weiter Zazen zu praktizieren. Im selben Jahr gab er in Kabe-Shinmeikutsu sein erstes Sesshin. Doch auch nach hartem Üben blieb L. noch immer die Kensho-Erfahrung verwehrt, woraufhin er beschloss, auch ohne Kensho den Zen-Weg weiterzugehen. Als sein bisheriger Förderer Arrupe General der Jesuiten wurde, schrieb L. ihm einen Brief, um ihn um Unterstützung seines Zen-Integrationsprojektes zu bitten. Seiner Meinung nach war es gerade die spirituelle Erfahrung, die den meisten chr. Ordensmännern fehlte, und der Zen-Weg schien L. als eine Möglichkeit, die eigene mystische Tradition wiederzubeleben. Da viele Jesuiten der Japan-Mission seine Pläne blockierten, erwog L. sogar die Exklaustration - und das nicht zum letzten Mal in seinem Leben. Arrupe unterstützte L. allerdings weiterhin, ebenso wie der Erzbischof Tokyos, so dass L. seinen Weg fortsetzte. Der führte ihn 1967 auf die Philippinen, wo er durch Graf Dürkheim auf die Tagung »Arzt und Seelsorger« eingeladen war. Kurz darauf hielt L. einen Vortrag über Zen-Buddhismus und chr. Mystik in Deutschland auf Schloss Elmau vor der Gemeinschaft »Arzt und Seelsorger«. Hier kam sein neuer Ansatz bei der Interpretation der Zen-Erleuchtung zum tragen: Diese Erfahrung wurde nicht mehr monistisch, sondern als Nicht-Zweiheit verstanden und nun von L. als eine überrationale klassifiziert, die auch der chr. Mystik zugrunde läge. Differenzen seien nur in der unterschiedlichen Interpretation infolge der jeweiligen unterschiedlichen religiösen Tradition begründet. Daher könne der Dialog mit anderen Religionen auch das Verständnis der eigenen Religion verbessern. Aufgrund der grossen Resonanz wurde geplant, dass L. auch in Deutschland Sesshins abhalten solle. Im Anschluss an ein von G. Stachel organisiertes Symposium über Zen 1967 wurde L. von der Universität Mainz der Ehrendoktor verliehen. Die grosse Resonanz, auf die seine Ausführungen stiessen, kennzeichnete die religiöse Situation des Westens als eine nach Spiritualität hungernde, so dass L. Zen als Ausweg auf diese geistliche Armut zu verstehen lernte. Gerade die Begegnung zw. Asien und Europa sollte die Menschheit befähigen, einen Bewusstheitsquantensprung zu vollführen. - Auf dem Rückweg besuchte L. in Indien Bede Griffiths und Henri Le Saux, um sich durch deren Integrationsprojekte Anregungen zu verschaffen. In Japan hielt er zusammen mit einem Zen-Meister der Rinzai-Sekte Exerzitien ab, bevor er 1968 nach Tokyo umzog. Der Bürgermeister von Hiroshima verlieh ihm zum Abschied die Ehrenbürgerschaft der Stadt. - Fast parallel zum Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei fand 1968 das erste Sesshin auf deutschem Boden im Benediktinerkloster Niederaltaichs unter L.s Leitung statt. Trotz der Kritik einer von K. Tilmann angeführten Theologenfront gegen ungegenständliche Meditation gab der Papst persönlich L. am 23. Oktober während einer Audienz in Rom das placet für seine Bemühungen. - Nach einem kurzen Aufenthalt in Japan traf L. T. Merton während einer Tagung in Bangkok, wo Merton aber, bevor es zu intensiveren Gesprächen mit L. kommen konnte, verstarb. Die Tagung bestärkte L. in seinem Weg, Klöster auch für Nicht-Christen zu öffnen. - Nach der Einleitung des Bauvorhabens eines neuen Shinmeikutsu in Koiwa 1969, leitete L. in Rosenburg ein Sesshin für Buddhisten und Christen, währenddessen täglich Eucharistie in der Dorfkirche gefeiert wurde. Auch Nicht-Christen fanden den Weg zur Messe, was L.s These unterstützte, dass der Durst nach Spiritualität durch die Begegnung mit dem Zen die Menschen zurück zu den chr. Quellen führen könnte. - Das neue Shinmeikutsu am Akikawa-Fluss, geführt nach dem Vorbild des Sojijis, erwies sich als Magnet für viele Gottsucher der damaligen Zeit. Seit dem ersten Sesshin, das am 20. März 1970 begann, kamen viele Besucher und auch Besucherinnen, da auch Frauen zugelassen waren, zum Zen-Training, wie z.B. W. Massa, Sr. Elaine McInnes, J. Kopp und R. Habito. Während seiner vielen Reisen, die ihn weiterhin über den ganzen Globus führten, vertiefte L. sein Verständnis östlicher Spiritualität in Gesprächen mit Schülern Sri Ramana Maharshis sowie der spirituellen Lebensgefährtin Sri Aurobindos, der »Mutter« von Auroville. Dennoch mangelte es ihm an einem offiziell anerkannten Kensho, wie es in der Zwischenzeit einigen durch ihn selbst zum Zen Gekommenen zuteil geworden war. - Durch Einfluss von Sr. McInnes wechselte L. erneut den Zen-Lehrer und schulte sich unter Yamada-Roshi weiter. Yamada war Laie, Familienvater, von Beruf Manager und Schüler von Yasutani-Roshi, mit dem er zusammen einen neuen Zen-Orden gegründete hatte, der hauptsächlich auf die Arbeit mit Laien ausgerichtet war: Sambo-Kyodan, der ebenfalls Soto- mit Rinzai-Elementen verband. Die Sesshin wurden in einem Wohnhaus in Kamakura abgehalten und fanden nicht unter militärischem Drill, sondern in sanfterer Atmosphäre statt. H. Waldenfels, W. Johnston und der Abt Niederalteichs E. Jungclaussen übten infolge L.s Vermittlung ebenfalls unter Yamada-Roshis Anleitung. Die Arbeit mit Yamada vertiefte L.s Verständnis seines Koan »Mu«, das er nun mit Gott identifizierte. Am 31. Juli 1973 erkannte Yamada L.s Kensho an. Ausdrücklich hob er hervor, dass es ein christliches Kensho sei, dass L. erfahren habe und dass die Möglichkeit eines spezifisch chr. Kensho von japanischen Zen-Lehrern noch nicht ausreichend bedacht worden sei, da die Zen-Lehrer bislang zu sehr an der japanischen Form geklebt hätten. Mit der Anerkennung seiner Zen-Praxis durch Roshi Yamada begann für L. ein neuer Lebensabschnitt: Aus den früher parallelen Linen Christentum und Zen war eine einzige geworden! Die nachfolgende Zusammenarbeit mit Yamada-Roshi stand unter dem Zeichen gegenseitiger Hingabe: Wollte L. das Christentum durch die Integration des Zen wieder zurück zu den eigenen mystischen Quellen führen, war es Yamadas Absicht, mit Hilfe L.s Zen dem Katholizismus zu übergeben. Auf diesem Weg war das Koan Mu für L. aber erst der Anfang, in der Tradition des Sambo-Kyodan stellt es das erste von über 500 Koan dar. Nach Yamadas Meinung sind die Koan nicht buddhistisch - wie sie christlich integriert werden könnten, sei aber Aufgabe der Christen, deren Schulung er sich immer mehr widmete. Durch die intensive Koan-Schulung vertiefte sich L.s Verständnis immer mehr, er gewann auch zur christlichen Tradition tiefere Zugänge. Zusätzlich hielt er weiterhin Zen-Kurse ab, sowohl in Shinmeikutsu als auch ausserhalb Japans, und besuchte indische und islamische Mystiker. - Unterdessen warnten kritische Stimmen, wie die von J. Lotz, H. U. v. Balthasar, J. Sudbrack sowie H. d. Lubac, durch Zazen keinen Verrat am Christentum zu begehen. Tatsächlich war F. Viallet Zen-Mönch geworden, und W. Massa, Leiter des benediktinischen Meditationszentrums in Tholey, erwog, Laie zu werden und zu heiraten. Die Zahl der selbsternannte Zen-Lehrer wuchs. Auch aus buddhistischen Kreisen wurde Kritik laut: P. Kapleau hielt die Symbiose von Zen und Christentum für Verrat des Buddhismus. L. ging, indem er weder auf buddhistisches noch auf christliches Zeremoniell gesteigerten Wert legte, seinen unauffälligen Weg der Integration mit Yamada-Roshi weiter. Angeregt durch die Besuche in Pondicherry bestand L.s Vision in der Gründung eines neuen Ordens, der Mystik und soziale Arbeit verbinden sollte, und der Weiterentwicklung der Menschheit, die im Übergang vom Rationalen zum Überbewusstsein begriffen sei - ein Gedanke, der sich 1982 in seinem Buch »Wohin geht der Mensch?« niederschlug und von J. Sudbrack mit New-Age-Verdacht belegt wurde. - Gesundheitliche Beschwerden belasteten die letzten zehn Jahre seines Lebens. Unermüdlich hielt L. sich jedoch an seinen strengen Terminplan und hielt Sesshin um Sesshin. Die volle Anerkennung als selbständiger Zen-Lehrer erhielt er von Yamada jedoch nie, im Gegensatz zu vielen anderen westlichen ZenschülerInnen, die sich in Kamakura schulten. Zu Beginn der achtziger Jahre hatten viele Europäer bei Yamada ihre formelle Ausbildung beendet, während L. sogar von Yamada aufgefordert wurde, die Koan-Schulung zu wiederholen, eine Aufgabe, die L. in seinen letzten Lebensjahren sehr belastete, da Yamada oft nicht genügend Zeit für ihn hatte. Yamada war von der Wichtigkeit der Weitergabe des Zen unter katholischer Flagge überzeugt, aber das Wie blieb nach wie vor ungeklärt. Dass Erleuchtung eine Gotteserfahrung sei, stand für L. ausser Frage, blieb aber der Streitpunkt der Zen-LehrerInnen in Europa, der die christlichen Lehrenden in zwei Fraktionen teilte: Fassten die einen die Zen-Übung als etwas transreligiöses auf und unterrichteten Zen und christliche Mystik in unterschiedlichen Kursen (wie z.B. W. Jäger), harmonisierten die anderen die Zen-Erfahrung mit der Erfahrung chr. Mystiker und kombinierten katholische Elemente wie die Eucharistiefeier mit Sesshins (wie z.B. L.s Freund J. Kopp). - Yamada besuchte 1980 die Meditationshalle in Dietfurt und weihte 1983 zusammen mit dem Abt der Abtei Münsterschwarzach das Meditationszentrum W. Jägers in Würzburg ein. 1985 begann die ev. Pastorin G. Meyer und der Pallottinerpater J. Kopp, Zen zu unterrichten. Trotz des Zen-Booms blieb Yamada mit der Qualität der europäischen Zen-Lehrer unzufrieden und behielt sich selbst die Prüfung von Kensho vor. - Im Jahr 1982, in dem L.s Schwester starb, erschien die überarbeitete Neuauflage seines 1966 erscheinenen Klassikers »Zen-Buddhismus«. 1988 erschien L.s Autobiographie »Mein Weg zum Zen«. L.s Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter: 1989 wurde er wegen Darmkrebs operiert und hielt am 27. September, kurz nach Yamada-Roshis Tod, sein letztes Dokusan. Nach einem Oberschenkelhalsbruch 1990 kam L. in ein Altenheim der Jesuiten. Nach einer weiteren Operation aufgrund eines Darmverschlusses starb L. am 7. Juli 1990. Seine Asche wurde zurück nach Japan in die Friedenskirche Hiroshimas gebracht. - Ai-un, Wolke der Liebe, war der Dharma-Name, der sich im Nachlass von Yamada-Roshi für L. vorgeschlagen fand. Als solche hat L. unermüdlich sowohl sozial als auch spirituell sein gesamtes Leben lang gewirkt. In seiner Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Religionen war er seiner Zeit weit voraus. Einen ebenbürtigen Weggenossen fand er schliesslich in seinem Zen-Lehrer Yamada-Roshi, der wiederum L. als seinen Lehrer des Leben bezeichnete. Aus religionsgeschichtlicher Perspektive ist es eine herausragende Leistung der Zusammenarbeit L.s und Yamadas, dass chr. Amtsträgern die Lehrerlaubnis einer buddhistischen Sekte übertragen wurde. Die Geschichte des Zen und die des interreligiösen Dialogs hat sich durch ihr Engagement grundlegend verändert, hat jahrhundertealte Gräben zw. West und Ost überbrückt und sich vorbildlich nicht auf einen ethischen Minimalkonsens zurückgezogen. Ob allerdings die Zen-Erleuchtung für den Christen dasselbe bedeutet wie für den Buddhisten, bleibt weiterhin ungeklärt, trotz aller Bindestriche, wie z.B. »Zen-Eucharistie«, »Zen-Kontemplation« oder auch »Enomiya-Lassalle«.
 
 Quelle: Alkofer, A.-P., Enomiya-Lassalle, LThK 3, 1995, Sp. 678.